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am 25. Juli 2017

Kontiki - Die modische Seite des Fahrradschlauches

Eva Bauer - Karin Maislingers Shop und Galerie Kontiki gehört schon lange zum Bezirksbild von Ottakring. In der Grundsteingasse fertigt sie aus Fahrradschläuchen praktische Taschen und Accessoires. Wir haben sie besucht.

Frau Maislinger, Sie erzeugen hier in der Grundsteingasse aus Fahrradschläuchen Taschen, Geldbörsen, Rucksäcke und mehr, woher kommt der Name kontiki?

Der Name war schnell gefunden. Er ist inspiriert von dem Floß "Kon-Tiki" (von Thor Heyerdahl), über das ich am Flohmarkt ein Buch gefunden hatte. Es geht um die Geschichte einer Gruppe von Männern, die in den 40er Jahren mit ihrem Floß "Kon-Tiki" von der Westküste Amerikas nach Polynesien segelten. Da gibt es so ein Bild, mit diesen rauschebärtigen Männern, auf dem Floss nur aus Holz, die ganz ohne Navi lossegeln. Mich hat der Mut - nicht im Sinne von "ich trau mich", sondern im Sinne von Vertrauen in die eigene Unternehmung - total beeindruckt. Der Name kontiki war deshalb sofort meins, weil kontiki für mich von Anfang an genau von diesem Vertrauen geprägt war. Und nicht vom Gedanken an ein Ziel, dass ich was Bestimmtes erreichen muss. Ich wollte aufbrechen und einfach schauen, was dabei rauskommt.

 

Woher bekommen Sie die Fahrradschläuche?

Wir bekommen sie von Fahrradreparaturwerkstätten. Wir freuen uns natürlich, wenn jemand einen Fahrradschlauch an die Tür hängt, aber sonst sind wir gut mit Fahrradschläuchen versorgt. 

 

Was passiert mit den Schläuchen, wie werden die bearbeitet?

Die werden zuerst aufgeschnitten und dann in der Waschmaschine gewaschen. Also eigentlich werden sie in der Waschmaschine nur gespült.

 

Heißt das, dass man die Taschen auch in der Maschine waschen kann?

Man kann sie schon waschen. Aber in die Waschmaschine steckt man sie normalerweise eher nicht. Die Taschen sind gut vernäht, aber das Material zu oft in der Maschine zu waschen ist vielleicht nicht so gut: Das Schleudern und Schlagen kann sich ungünstig auf die Kanten auswirken. Waschen ist nur erforderlich, wenn zum Beispiel ein Becher Joghurt im Inneren ausgeronnen ist. Normalerweise reicht es aus, wenn man sie mit Seifenwasser abwäscht.

 

Und wie sind Sie auf die Idee gekommen, Taschen aus Fahrradschläuchen zu machen?

Ich habe bei einem Fahrrad-Botendienst gearbeitet und da ist das Material täglich angefallen. Die Schläuche wegzuwerfen, das tat mir leid. Ich hatte eine Mode-Ausbildung gemacht und wollte mit dem Material experimentieren. Wie viel Fahrradschläuche wir verarbeiten hängt davon ab, ob wir in einer Produktionsphase sind oder nicht. Wir nähen nicht kontinuierlich, außer es geht etwas aus oder wir nähen für eine Bestellung.

 

Überlegen Sie sich vor einer Produktionsphase auch, ob sie ein neues Modell machen oder haben sie Klassiker, die immer dabei sind?

Da sind schon Klassiker dabei, die auch immer noch stark nachgefragt werden und es gibt immer wieder einzelne neue Modelle. Es ist allerdings so, dass wir nicht, wie sonst in der Modebranche üblich, viermal im Jahr eine neue Kollektion herausgeben, sondern es gibt immer wieder mal ein neues Modell, das aufgenommen wird und ein anderes Modell fällt vielleicht wieder heraus aus der Kollektion. Im Atelier und Shop gibt es auch Kooperationen und Ausstellungen. Momentan zeigt die  Künstlerin Heidrun Widmoser ihre Zeichnungen.

 

Und was war das allererste Modell?

Die allererste Tasche, die ist ganz klassisch [zeigt rechteckige Umhängetasche mit buntem Innenleben in Form von Filzapplikationen die Fische und Pflanzen darstellen]. Das Modell ist jetzt 15 Jahre alt und immer noch gut nachgefragt. Unser Bestseller ist vermutlich der Rucksack, da geht auch ein größeres Notebook rein. Mir ist besonders wichtig, dass die Stücke gut verarbeitet sind und im täglichen Gebrauch funktionieren. Das heißt, dass der Rucksack breite bequeme Träger und viele Fächer hat und dass man bei Bedarf auch Trennstege einbauen kann.

 

Arbeiten sie auch mit anderen Materialien oder nur mit Fahrradschläuchen?

Ich habe zwischendurch immer wieder Textil-Serien gemacht, aber gemerkt, dass es irrsinnig schwer ist, das zu kommunizieren, weil mit dem Label kontiki, Taschen aus Fahrradschläuchen assoziiert werden. Es ist schwer, das auch visuell zu vermitteln. Eigentlich bräuchte ich da ein neues Label, das unabhängig ist. Ich habe lange darüber nachgedacht, mich aber schlussendlich dagegen entschieden.

 

Warum ist ihnen Upcycling wichtig?

Ich mag das Wort Upcycling nicht besonders gerne, denn für mich führt es etwas in die Irre. Man tut so, als würde etwas Besseres, Wertvolleres  beim Verarbeitungsprozess herauskommen - aber das empfinde ich nicht so. Ein Fahrradschlauch ist ein Fahrradschlauch, nur die Funktion wird eine andere, wenn ich eine Tasche daraus mache. Die eigentliche Funktion des Fahrradschlauches an sich ist ja schon wertvoll, die wird nicht aufgewertet durch den Recycling-Prozess.

 

Vor 15 Jahren hat es den Begriff Upcycling noch nicht gegeben und man hat Fahrradschläuche einfach recycelt, man hat z.B. Trittschalldämmungen daraus gemacht. Dieser Prozess des Recyclings ist für mich genauso wertvoll und wichtig wie eine Tasche daraus herzustellen. Das Material ist vorhanden und kann wertgeschätzt und als Rohstoff für weitere Produktionsschritte wahrgenommen werden. Eine Wertung in Hinblick auf das Endprodukt möchte ich nicht vornehmen.

 

Warum sind  Sie in Ottakring?

Ich habe, als ich angefangen habe, ganz in der Nähe gewohnt und hatte lange meine Werkstatt anstelle meines Wohnzimmers eingerichtet. Als der Raum hier frei wurde, hat sich zufällig für uns die Möglichkeit hier zu sein ergeben. In der Grundsteingasse gibt es viele Ateliers und Werkstätten von Künstlerinnen, ich fühle mich sehr wohl hier. 

 

Haben Sie Wünsche an die Bezirkspolitik? Wie könnte man das Leben für UnternehmerInnen vereinfachen?

Als UnternehmerIn muss man sich schon sehr mit Formalitäten herumschlagen und sollte sich auch wirklich auch für den bürokratischen  Anteil ein wenig interessieren, das hat aber nicht wirklich mit der Bezirkspolitik zu tun.  

Derzeit organisieren wir uns über einen Verein, weil wir uns nicht mehr als gewinnorientiertes, eigensinniges Unternehmen definieren wollen, das wir nie waren, sondern eine Gemeinschaft aufbauen möchten, die sich unkonventionellen Ideen viel empathischer zuwenden kann .

Wir sind im Moment auf der Suche nach einem größeren Grund am Land,  das für unsere weiteren Vorhaben gebraucht wird. Also, falls jemand etwas zur Verfügung hätte, bitte gerne bei uns melden.J

In dem neuen gemeinschaftlichen Projekt geht es auch um ökologisches, minimalistisches Bauen (vielleicht ein Baumhaus), um Reduktion der Dinge auf das Wesentliche, um Arbeiten auf Grünland oder im Wald. Ich möchte mich stärker wieder meinen ursprünglichen Ideen zuwenden, der Arbeit mit und in der Natur.

Die Taschen aus recycelten Fahrradschläuchen werden mich aber jedenfalls weiter begleiten.

 

Liebe Frau Maislinger, wir danken ihnen für das Interview.

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Das Interview mit Karin Maislinger von kontiki​ in der Grundsteingasse 20/1, 1160 Wien führten die Bezirksrätinnen Eva Bauer und Daniela Simon.​