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am 4. Juli 2017

Ottakringer Wirtschaft für die Zukunft: Fahrradmechanikermeister Wolfgang Brunner

Webredaktion der Grünen Ottakring - Fahrradmechanikermeister Wolfgang Brunner: Der letzte verbliebene geprüfte Fahrradmechaniker - ein nachhaltiges Urgestein

 

Herr Brunner, wann haben Sie mit dem Geschäft hier begonnen? Wie wurden sie ausgebildet?

Im 56er-Jahr habe ich Fahrradmechaniker gelernt, dann die Gesellenprüfung und die Meisterprüfung gemacht. Leider wurde der Beruf in den 70er-Jahren abgeschafft, ich habe dann eine Zusatzprüfung zum Allgemeinmechaniker machen müssen. Ich habe dann meine Lehrlinge als Allgemeinmechaniker ausgebildet und sie sind mittlerweile in verschiedenen Berufen tätig.

 

Wann haben Sie mit dem Geschäft in Ottakring begonnen?

Ich habe mit Unterbrechungen seit dem 46er-Jahr in Ottakring gewohnt, gleich in der Redtenbachergasse, Ecke Wilhelminenstraße. Ich habe das Geschäft gesehen, da war ich allerdings schon selbstständig am Südtirolerplatz. Ich bin ein paar Jahre hergepilgert zu meinem Vorgänger, Herrn Schwarz. Seit dem 75er-Jahr hab ich dieses Geschäft in Ottakring. Es macht mir viel Spaß! Erstens habe ich es nicht weit, und wenn ich in der Früh von meiner Wohnung rüber ins Geschäft gehe, kann ich immer zum Wilhelminenberg raufschauen, da sehe ich immer, wie das Wetter ist. Ob Schnee liegt, oder nicht. Und auf der anderen Seite habe ich die Familienkirche, die ist auch ganz nett anzuschauen.

 

Sind Sie immer in diesem Geschäft gewesen?

Ich bin seit dem 75er-Jahr dauernd hier in diesem Geschäft. Ich habe den Betrieb am Südtirolerplatz im Jahr ‘77 geschlossen und bin zur Gänze hierher übersiedelt. Und ich fühle mich da sehr wohl, sonst hätte ich es nicht ausgehalten – ich bin ja schon etwas antiker.

 

Was hat Sie bewogen, Ottakring so lange die Treue zu halten?

Ganz einfach: Ottakring ist ein sehr netter Bezirk und ich muss ehrlich sagen, ich komme mit den Ausländern auch sehr gut zusammen. Manche gibt’s, da gibt es manchmal ein bisserl Probleme, aber die lassen sich lösen. Sprachlich gibt es Hände und Füße, da kann man sich verständigen. Da gibt’s immer eine Möglichkeit. Und was mich noch mehr gefreut hat, ist, dass ich gleich im Grünen bin, am Wilhelminenberg, und auf der anderen Seite gleich in der Stadt. Ich bin von da mit dem Rad in 10 Minuten am Schottentor. Bergab geht’s ja schön. Zurück dauert‘s ein bisschen länger.

 

Das heißt, Sie sind selber noch mit dem Rad viel unterwegs?

Ich bin selber immer noch mit dem Radl unterwegs, das macht mir vor allem in Ottakring Spaß. Wir haben noch viele kleine Geschäfte, ich kann fast alles in Gehentfernung machen. Ich brauch kein Auto und Großeinkäufe brauch ich auch keine machen, weil ich alles in der Nähe kriege. Es gibt sogar einen Glaser da, ein Schlosser ist in der Nähe – kann man alles zu Fuß erreichen. Also punkto Lebensqualität sind wir in Ottakring wirklich super drauf. Ganz wunderbar ist auch, dass man sich in der Nachbarschaft hier noch gegenseitig hilft. Das ist ganz wichtig, dass man Hilfe bekommt, wenn man mal darauf angewiesen ist.

 

Unser Projektthema ist „Nachhaltigkeit“ – inwiefern sehen Sie ihr Geschäft, ihre Tätigkeit als Beitrag zu einem nachhaltigen Ottakring?

Ganz einfach: Ich richte die Fahrräder wieder her, mit Ersatzteilen, wie es wirtschaftlich möglich ist. Ich kann dazu eine lustige Geschichte erzählen: Es war eine junge Dame bei mir und hat mich gefragt, ob ich einen Patschen reparieren kann. Ich hab gesagt, ja, kein Problem. Sie: Auf einem alten Radl auch? Hab ich gesagt, ja, warum nicht, ist mir ganz egal. Die war ganz happy, weil sie bei einem Branchenkollegen war, und der hat ihr gesagt, schauen Sie, es ist schade um das Geld für einen Schlauch. Ich hab da ein wunderschönes Radl um 150 Euro. Das wollte sie aber nicht, weil mit ihrem Rad kann sie gut fahren. Wir haben dann ihren Patschen repariert und sie hat eine richtige Freud‘ gehabt. Ich habe manche Kunden, die kommen schon her seit 30, 40 Jahren. Wir haben einen sehr guten Ruf, mein Mitarbeiter Clemens unterstützt mich da sehr.

 

Das Reparieren und Erneuern von Altem und Bewährtem ist Ihnen wichtig?

Ja genau. Schauen Sie her, da haben Sie gleich so einen alten Schinken. Er ist schön beieinander. Es tut sich immer einiges, die Leute wissen, dass ich es kann. Manche Branchenkollegen haben sich jetzt schon angewöhnt, Sachen, die ihnen nicht unter die Nase gehen, zu mir zu schicken.

 

Es heißt, Sie haben für alles ein Ersatzteil?

Ich habe viele Ersatzteile, nicht mehr für alles. Es geht mir zum Teil mittlerweile aus, weil die Lagerhaltung bei den Großhändlern sehr schwach geworden ist. Aber ich bin immer ein bisschen lästig, und dann kriege ich viele Sachen schon noch. Und wenn nicht, kann ich mir ein bisschen helfen. Ich hab noch ein paar alte Trümmer, die man dann anderweitig verwenden kann.

 

Was ist Ihnen in der Beziehung zu den Kundinnen und Kunden am Wichtigsten?

Dass wir nicht streiten. Und dass die Kunden, wenn wir irgendeinen Fehler gemacht haben, was passieren kann, nicht gleich wutentbrannt hereinkommen. Ich sag zu jedem Kunden beim Abholen: Wenn irgendwas locker wird oder nicht passt, dann bitt ich Sie, entweder Sie ziehen es selber nach, oder Sie kommen noch einmal vorbei. Es gibt so Grenzfälle, wo man nicht genau weiß, was der Kunde will. Wir versuchen natürlich schon, das Möglichste zu machen, ein Geräusch suchen, zum Beispiel. Manches Mal finden wir nicht so viel, wie wir finden wollten. Ich sag dann immer, kommen Sie noch einmal vorbei, wir suchen weiter. Das funktioniert überraschend gut, die Kunden sind dann eigentlich nicht sehr aufgebracht.

 

Haben Sie sehr viele Stammkunden?

90 Prozent. Viele neue Kunden kommen aber jetzt auch übers Internet, das hat mich schon überrascht.

 

Sie sind ja der letzte verbliebene geprüfte Fahrradmechaniker…

Nein, es gibt noch einen zweiten, den Dipl-Ing. Kapp im 20. Bezirk, Wallensteinstraße. Aber der ist Diplomingenieur, der sagt auch, 1000 Rosen, ein Meister. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich gerne hätte, dass in Wien das Handwerk wieder mehr Anerkennung bekommt. Das ist in den letzten Jahren doch sehr gesunken.

 

Sie sind auch in der Ausbildung immer noch tätig?

Ich bin immer noch tätig, beim Wifi und in der Volkshochschule.

 

Wenn Sie sich vom Bezirk irgendwas wünschen könnten, fällt Ihnen da was ein?

Für mich ist es ein bisschen ein Problem, dass viele Sachen nicht über den Bezirk laufen. Ich muss sagen, die Unterstützung des Herrn Bezirksvorstehers anlässlich meines Jubiläums-Festes war großartig. Das kann man sich nur wünschen. Es ist Wirklichkeit geworden, er hatte eine schöne Torte für mich, und ich muss ehrlich sagen, der Bezirk bemüht sich sehr, soweit es in seinen Möglichkeiten ist. Die Gesetze kann man aber natürlich nicht umgehen. Und leider Gottes muss ich sagen, die Bürokratie wird schön langsam wirklich mühsam. Da kann aber auch der Bezirk nichts machen. Alles muss heute digital gehen, die meisten Leute vergessen, dass das ganze Digitale ein Werkzeug sein soll und nicht Selbstzweck. Wenn ich denke, dass es Leute gibt, die 200 E-Mails am Tag lesen müssen, dann tun mir die leid. Wenn ich denke, wieviel Zeit da flöten geht, wo man nichts Anderes machen kann… Ich habe Leute, die kommen und sagen: Ich würd gern wieder was schrauben. Die haben genug davon, den ganzen Tag vorm Computer zu sitzen.

 

Sie sind doch schon fortgeschrittenen Alters – haben Sie nie darüber nachgedacht, in Pension zu gehen?

Die Arbeit macht mir einfach Spaß, dass ich viele Kunden habe, auch jüngeren Alters. Irgendeine Kundschaft hat mir einmal gesagt, man sieht den Spaß an der Arbeit und dann macht es auch Spaß, herzukommen. Auf der anderen Seite muss ich sagen, es hält mich einfach auch jung, zumindest beweglich. Ich könnte mir nicht vorstellen, den ganzen Tag daheim zu sitzen vorm Fernseher. Abgesehen davon, dass das Programm eh keine Offenbarung ist. Die Firma gehört irgendwie dazu, ich verbinde Sie auch mit der Vortragstätigkeit.


Herr Brunner, wir danken ihnen herzlich für das Interview!

 

[Das Interview führte Stefan Jagsch, SPÖ Ottakring]