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am 30. Mai 2017

reStart

Elisabeth Thaler, Eva Bauer - Ottakringer Wirtschaft für die Zukunft: Nachhaltigkeit lohnt sich

Das Gespräch mit Tom Adrian von reStart führten Eva Bauer, Daniela Simon und Elisabeth Thaler (Grüne Ottakring).

Tom, kannst du uns erzählen, um was es bei reStart geht?

Tom: reStart gibt es seit fünf Jahren. Wir verstehen uns als eine Kreativwerkstätte für Jugendliche NEET also Jugendliche, die not in education, employment or training (nicht in Ausbildung, Anstellung oder Weiterbildung) sind: Das sind Jugendliche, die fernab jeglicher - sonst für Gleichaltrige typischen - Tagesstruktur leben. Wir versuchen sie, mit klassischen Arbeitstugenden wieder in Richtung Tagestruktur und Arbeitsmarkt zurückzubekommen.

Das ist das eine.

Upcycling ist das andere, was wir hier machen. Alles, was wir mit den Jugendlichen produzieren, machen wir mit dem Upcycling-Gedanken. Es geht darum, den Zyklus eines Gegenstandes, eines Materials zu verlängern. Das heißt: Alte Flaschen kann man zum Beispiel zu Gläsern schleifen, zu Behältern mit Korken, zu Aschenbechern. - Das ist alles möglich. Uns ist es wichtig, dass die Jugendlichen dabei drei Ebenen mitbekommen. Erstens: Sie müssen Arbeitstugenden wie Pünktlichkeit und Freundlichkeit schaffen. Anreiz vermittelt ihnen unter anderem das sozialtherapeutische Taschengeld - wir bezahlen ihnen für jede fertige Stunde 4 Euro - die Unmittelbarkeit zwischen Arbeit und Bezahlung. Wir sehen, dass das gut auf die Jugendlichen wirkt, weil sie durch die unmittelbare Erfahrung Motivation bekommen: ‚Ich mache was, ich kann was, ich habe einen Wert.‘ Sie kommen dadurch in eine Motivationsspirale. Wir versuchen sie weiter zu leiten in Richtung weiteres Interesse oder Bewerbungen. Das dritte ist der Aufbau motorischer Fähigkeiten.

Wie seid ihr auf Upcycling gekommen und warum ist euch das wichtig?

Das ist sehr aus dem Zeitgeist, der Dynamik damals vor fünf Jahren entstanden. Und der Tatsache, dass wir kein Geld hatten und haben, um uns viel Material zu kaufen. Außerdem leben wir in einer kapitalistischen Wegwerfgesellschaft. Da sind auch Firmen zum Bewusstsein gekommen, dass man durchaus nachhaltig arbeiten kann und dass das niemandem schadet. Letztes Jahr hatten wir das Glück, dass wir mit Ikea in Kontakt gekommen sind und so eine Kooperation entstanden ist. Wir sind zu ihnen gekommen, weil wir immer wieder Firmen suchen, in denen die Jugendlichen sehen wie ein Betrieb funktioniert. Zum Beispiel wie Ikea eine Lagerhalle organisiert oder eine Ausstellung im Museumsquartier abläuft - das sind total interessante Erfahrungen. Wir haben uns sehr gut mit den Human Resources Leuten verstanden und die haben gesagt sie würden uns gerne mal besuchen kommen. Wir haben dann zum Beispiel einen Fahrrad-Sitzbezug aus der blauen Ikea-Tasche gemacht.

Wie plant ihr ein Upcycling-Produkt?

Anhand vom Lampenschirm kann ich vielleicht ganz gut erklären wie Produkte entstehen. Wir haben ein paar kreative SozialarbeiterInnen und KunsttherapeutInnen, die Produkte konzipieren. Diese sind sozial nachhaltig, enthalten ein Upcycling-Element und können in verschiedenen Arbeitsschritten, in die man drei bis vier Jugendliche einbinden kann, hergestellt werden. Das erfüllen zum Beispiel unsere Hipster-Beutel, Schlüsselanhänger aus Radketten oder dieser Lampenschirm, der aus einer Flasche entstanden ist. Der untere Teil wird abgeschnitten und wird zum Beispiel ein schöner Stifthalter oder ein Trinkglas. Dann wird das Glas geschliffen und poliert. Schmälere Scheiben ergeben Armreifen, oder eben, mit einem Secondhand-Kabel und einer Glühbirne versehen, ergibt sich ein Lampenschirm. Die Jugendlichen melden uns oft zurück, dass es sie überrascht, was man alles aus "Müll" machen kann. Das gefällt mir schon sehr gut, weil wir dadurch wissen, dass das Projekt auch Sinnstiftung ist und nicht nur Beschäftigung.

Und wie kommen die Jugendlichen zu euch?

Das ist ganz verschieden. In dieser Alterskategorie von 15 – 19 Jahren funktioniert Mund-zu-Mund-Propaganda ganz gut. Ich würde sagen, die peer information ist das, was am besten funktioniert. Und das zweite sind die Wohngemeinschaften, in denen sie wohnen Teilweise auch die Eltern, aber eher die Wohngemeinschaften. Die sind froh einen Kooperationspartner zu haben, der so niederschwellig ist. Denn die Jugendlichen müssen vorher nicht zum AMS um eine Zuweisung. Das wäre eine Hemmschwelle, die sie nicht schaffen. Sie können selbst entscheiden: ‚Okay heute schaffe ich es hinzugehen. Heute mache ich mit, wenn ich heute eine Stunde schaffe, dann mache ich nächstes Mal zwei.‘ So kann man einen basalen Aufbau machen.

Das Projekt bindet die Jugendlichen also durch kleine Schritte ein?

Ja, denn ansonsten kriegen sie nicht viel angeboten, dass sie aus ihrer Sicht annehmen können oder wollen. Sie können in einen Vollzeitkurs gehen, sie können eine Vollzeitlehre machen oder gar nichts. Die Ausbildungsgarantie setzt großartige Akzente, aber neben reStart gibt es als niederschwelliges Projekt das man vergleichen könnte, nur noch das Spacelab Tagestraining (http://www.spacelab.cc). Sonst gibt es meines Wissens sowas nicht in Wien. Das ist natürlich schwierig. Auf der anderen Seite können wir nicht die üblichen Zahlen wie Vermittlungsquoten in den Arbeitsmarkt, Dauerauslastung und Volllast bringen, weil wir nicht mit Zuweisungen und nicht lange mit den gleichen Jugendlichen arbeiten. Unsere Stärke liegt auf alle Fälle im kurzfristigen Vertrauensaufbau.

Wie oft kann ein(e) Jugendliche(r) im Monat herkommen?

Vier bis fünf Mal im Monat. Wir orientieren uns am sozialtherapeutischen Taschengeld als Richtwert. Wir nehmen acht Jugendliche pro Durchlauf. Oft warten aber mehr draußen, die dann nicht reinkommen. Oft beobachten wir dann, dass manche die keinen Platz bekommen haben kiffen gehen und beginnen den Tag dann so. Wir haben gemerkt, dass das ein gravierender Unterschied ist und deshalb möchten wir die Jugendlichen weiter motivieren und natürlich niemanden abweisen. Aber dann bräuchten wir größere Räumlichkeiten. Unsere Werkstatt ist halt unglaublich klein für die vielen Jugendlichen, die wir hier betreuen. Wir werden vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales und KonsumentInnenschutz gefördert. Das ist ganz wichtig für uns, denn so haben wir für heuer und nächstes Jahr die Fixförderung. Damit lässt sich ganz anders arbeiten, weil man so alles genau vorausplanen kann.

Und wenn jemand mehr machen möchte?

Das ist eine gute Frage. Aus unserer Sicht ist das meistens die Schnittstelle, an der sie wieder in den Arbeitsmarkt zurück gehören. Wir versuchen sie ja nicht an uns zu binden, sondern sie in den Arbeitsmarkt zu kriegen. Zum einen gibt es Jugendliche die nicht mehr schaffen: Es gibt sozialpsychiatrisch beeinträchtigte Jugendliche, denen tut es gut zu sehen, dass sie ein Teil der Entstehung eines Produktes in der Gruppe sind. Aber sie werden im Moment nicht mehr schaffen als Nespresso Kapseln auszuwaschen und sie zu zerstampfen. Mit Scheren oder anderem gröberem Gerät werden sie nicht umgehen können oder wollen.

Ihr versucht die motorischen Fähigkeiten zu fördern, kannst du uns da genauer sagen, welche die sind?

Klar, anhand der Nespresso Kapsel-Projekte kann man gut sehen, dass ein Produkt aus einzelnen Arbeitsschritten besteht und wie diese aufgeteilt werden. Wir versuchen, hier ein Team-Setting mit den Jugendlichen zu generieren: Wir sitzen in der Früh zusammen und legen fest, wer welchen Arbeitsschritt ausführt, um am Ende ein Gesamtprodukt zu erhalten.

Dadurch sehen sie, dass jeder Arbeitsschritt wichtig und Teil eines Gesamtproduktes ist. Wir schauen auf die einzelnen Fähigkeiten und darauf, was sich jedeR selbst zutraut. Wir versuchen sie, auch zu fordern und zu fördern, damit sie Aufwind bekommen.

Es gibt also die grobmotorischen Tätigkeiten wie Nespresso Kapseln auswaschen und zerstampfen. Und die feinmotorischen, bei denen man sie zuschneiden muss. Und jene, bei denen man planen muss, was danach gemacht wird, ein Bild oder ein Schmuck und dann werden diese Abschnitte bis zur Fertigstellung gemacht.

Was dazu kommt ist, dass wir versuchen den Jugendlichen zu vermitteln, dass betrieblich mehr als nur der eine Arbeitsschritt, den sie gerade machen, stattfinden muss, damit ein Produkt entsteht. Wir schauen uns an, woher die Materialien kommen. Wir begleiten sie beim ersten Mal beim Abholen, das nächste Mal gehen sie alleine. Die Materialien bekommen wir von der Caritas-Zentrale oder von Spendern. Wir verteilen die Arbeit auf die Jugendlichen. Am Schluss machen wir ein gemeinsames Feedback. Wir sagen ihnen, wie gut es mit ihnen war, wie wir sie gespürt haben. Ein Öffnungstag, also ein Durchlauf, hat vier Stunden mit einer halben Stunde Vorbereitung und einer halben Stunde Nachbereitung und an manchen Tagen gibt es einen zweiten Durchlauf.

Und warum ist reStart hier in Ottakring heimisch geworden?

Aus zwei Gründen: Zum einen hat es sich gut ergeben, weil das vorher ein Gassenlokal war. Das gesamte Haus wurde von der Caritas gemietet und in zwei Projekte geteilt. (Oberhalb gibt es eine Wohngruppe, Anm.). Ein zweiter Grund ist, dass unsere Adresse hier in Ottakring durchaus geeignet ist aufgrund der Diversität und der Erreichbarkeit. Wir merken, dass die Jugendlichen aus ganz Wien hierherkommen: von Floridsdorf bis Favoriten, was nicht typisch ist. Normalerweise sehen wir die Jugendlichen eher in ihren Bezirken verwurzelt. Ich habe schon das Gefühl, dass Ottakring ein dynamischer Multikulti-Bezirk ist, mit sehr schönen Plätzen und Passagen - aber ich kann für die Jugendlichen nicht sagen warum. Für uns waren es die die leistbaren Räumlichkeiten, die die Entscheidung ausgemacht haben und sicher die Erreichbarkeit.

Tom, wir danken dir herzlich für das Gespräch.



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reStart feiert am 29.9.2017 sein 5 jähriges Bestehen, wo alle Waren vergünstigt erworben werden können.


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